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Drachensagen aus Tirol



St. Mang und der Drache

Der Heilige Magnus (Mang) kam in die Gegend, wo jetzt Reutte und Füssen liegen. Allda hub er sich mit seinen Brüdern auf den Weg nach einer wüsten Stätte, um dort heimlich des Gebets zu pflegen. Es lag dort aber ein gewaltiger Drache an einem wüsten Orte, der liess niemanden des Weges gehen. Und der Heilige sprach zu seinem Begleiter Toto: "Lieber Bruder, wir bleiben die Nacht hier und beten, dass uns der HErr Macht verleihe, das wilde Thier zu bestehen." Toto meinte, der Drache werde sie beide verderben, wollte aber den Heiligen nicht im Stiche lassen und blieb bei ihm. Der Heilige steckte geweihtes Brot in seine Tasche, nahm Harz und Pech in die eine Hand und hieng ein Kreuz an seinen Hals. In der anderen Hand führte er den Wunderstab des Heiligen Gallus. Als er in die Nähe des Drachenlagers kam, gab er etwas von dem gesegneten Brot in seinen Mund und machte ein Kreuz vor sich. Und da ihn der Drache sah, stund er starcklich gegen ihn auf und wollte mit aufgesperrtem Rachen auf ihn losschiessen. Da nahm der Heilige Harz und Pech, warf es dem Unthier in den Rachen und sprach: "HErr, mein GOtt, komm Deinem Diener zu Hilfe!" In dem ward der Drache brennend und verdarb. Danach giengen sie beide zum Felsenloch, darin der Wurm gehauset, und trafen vor demselben einen grossen und breiten Apfelbaum mit vielen reifen Äpfeln. St. Mang hieng das Kreuz daran, so er um den Halse getragen, und erbaute an der Stelle ein Münster für fromme Brüder aus der Nachbarschaft, das auf seine Bitte der Bischof Wikterp zu Ehren Unserer Lieben Frau und Sankt Florians, des Martyrers, einweihte.
(HEGEL, 1897: p. 11-12)



Von dem Lindwurm und dem Weltbrand

In der Wildschönau wurzelt die Furcht vor gewissen Thieren, aber auch die Verehrung solcher viel tiefer im Volke, als der Glaube an die Heilkräuter. Am meisten wird der Drache oder Lindwurm gefürchtet. So wie durch einen Drachen der Abfluss des Sees bewirkt wurde, der vorzeiten die Wildschönau bedeckte, so werden Thal und Bewohner wieder durch einen Drachen zugrunde gerichtet. Aber dann bricht auch überhaupt das Ende der Welt herein, das nicht mehr fern ist, wenn sich der Drache einmal in der Wildschönau zeigte. Es war schon einmal ein Lindwurm im Thal, unter der Erde verborgen, der aber noch glücklicherweise beim Ackern vom Pflugeisen getroffen und getödtet wurde, bevor er gross genug war. Dadurch wurde das Ende der Welt noch hinausgeschoben. Der fürchterliche Drache, heisst es, werde zu Agla, einem einsamen Bauernhof, von einem siebenjährigen Hahne, der das Drachenei unter die Stiege des Hauses legen wird, ausgebrütet und grossgezogen werden. Ist er ausgewachsen, dann schwingt er sich hoch in die Lüfte hinauf, und es fällt Feuer vom Himmel, wodurch die Wildschönau und die ganze Welt in Brand geräth und zu Asche verbrennt. An diese Prophezeihung hält der Wildschönauer so fest, dass man in dem ganzen Thal keinen Hahn sieben Jahre leben lässt. Als im achtundvierziger Revolutionsjahre zufällig zu Agla ein Ei unter der Stiegen angetroffen wurde, das wohl eine Henne dort gelegt haben wird, entstand grosser Schrecken, und manch Mütterlein schüttelte den Kopf und prophezeihte den Weltuntergang. Aber damals gieng´s noch mit dem Schrecken ab.
(HEGEL, 1897: p. 85-85)



Quelle:

HEGEL, J.A. (1897): Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol. - 847 pp., Brixen (Kath. polit. Pressverein).



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